SISMIK | Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kitas

Was ist eine Sprachstandserhebung?

Eine Sprachstandserhebung dient zur Feststellung der Fähigkeiten einer Person in Bezug auf Sprache. Da die Entwicklung der Sprache im jungen Kindesalter eine wichtige Rolle spielt, wurden verschiedene Beobachtungsverfahren entwickelt. Diese dienen Erziehern, Eltern und Ärzten als Hilfestellung, um die altersgemäße Entwicklung des Kindes besser einschätzen zu können.

Beobachtung und Dokumentation – Warum sie wichtig sind

Die systematische Beobachtung spielt in der Kita eine wichtige Rolle und ist Grundlage der Arbeit. Um die Beobachtungen im Alltag besser festhalten zu können, wurden verschiedene Beobachtungsverfahren entwickelt, die den Erziehern eine Hilfestellung bieten. Die Ergebnisse und Auswertungen der Verfahren erleichtern es wiederum bei Auffälligkeiten einen Plan zu entwickeln, um das Kind optimal zu unterstützen. Dieser kann aufgrund des angewendeten Beobachtungsverfahrens ganz individuell an das Kind angepasst werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Dokumentation der Entwicklung ein Elterngespräch erleichtert.

Das Beobachtungsverfahren SISMIK

Mittlerweile gibt es eine große Auswahl an Beobachtungsverfahren für die Kindertagesstätte. Eine davon ist der Beobachtungsbogen SISMIK. Dieser wurde individuell für Migrantenkinder entwickelt. Er wird im Elementarbereich eingesetzt, um die Entwicklung der Sprache von Migrantenkindern bereits im Kindergarten-Alter gezielt beobachten zu können. Dabei wird der Bogen nicht erst ausgefüllt, wenn das Kind erste Auffälligkeiten in seiner Sprachentwicklung zeigt, sondern bereits vorher.

Die Abkürzung steht für „Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertageseinrichtungen“. Das Verfahren wurde von M. Ulich und T. Mayr 2003 entwickelt. Es kann bei Kindern mit Migrationshintergrund von 3 ½ Jahren bis zum Schuleintritt genutzt werden. Dabei werden alle Bereiches des alltäglichen Sprachverhaltens durch verschiedene Fragen beleuchtet und vom Erzieher eingeschätzt. Ein ähnliches Verfahren gibt es auch für deutschsprachig aufwachsende Kinder. Dieses nennt sich SELDAK. Die Handhabung der beiden Bögen läuft dabei genau gleich ab. Der einzige Unterschied liegt im Schwerpunkt der Fragen bezüglich der Erstsprache des Kindes. Kindertageseinrichtungen können die beiden Beobachtungsverfahren beim Verlag Herder bestellen. Ein Set enthält zehn Bögen und ein Begleitheft für ca. 7,99 Euro.

Der Aufbau des Bogens

Der Beobachtungsbogen ist in vier Teile unterteilt:

  • Teil 1: Sprachverhalten in sprachrelevanten Situationen
  • Teil 2: Sprachliche Kompetenz im engeren Sinne (deutsch)
  • Teil 3: Familiensprache des Kindes
  • Teil 4: Familie des Kindes

Eine sechsstufige Skala hilft dem Beobachter beim Ausfüllen des Bogens. Dabei kreuzt er an, wie häufig die Verhaltensweise zutrifft. Im Folgenden sind ein paar Beispiele zusammengefasst:

  • Teil 1: Hier soll durch Beobachtung beurteilt werden, wie oft das Kind bestimmte Verhaltensweisen in Bezug auf Sprache zeigt. Wie oft spricht es mit anderen Kindern oder Erwachsenen, schaut es sich Bilderbücher an, spielt es im Rollenspiel oder wie verhält es sich im Stuhlkreis vor der Gruppe
  • Teil 2: In diesem Teil geht es um alltägliche Situationen der Sprachkompetenz. Versteht das Kind Handlungsaufträge und kann diese umsetzen, wie spricht es und wie viel spricht es
  • Teil 3: Hierbei wird die Herkunftssprache des Kindes beleuchtet und wie es damit in der Einrichtung umgeht. Spricht es in der Einrichtung in der Muttersprache, mit wem und wie oft wechselt es zwischen den Sprachen hin und her
  • Teil 4: Für den letzten Teil holt man sich die Eltern des beobachteten Kindes mit ins Boot, um die Lebenssituation des Kindes bewerten zu können. Dafür gibt es einen Elternbrief über das Verfahren in 15 verschiedenen Sprachen. Dieser soll die Zusammenarbeit mit den fremdsprachigen Eltern erleichtern. Zusammen werden dann Fragen erörtert, die sich um Familie und Kindertagesstätte drehen. Wie steht die Familie zur Kita, wie lebt und spricht die Familie

Das Begleitheft

Zusätzlich zu den Bögen gibt es ein Begleitheft. Dieses umfasst 24 Seiten und wird beim Kauf von zehn Bögen automatisch mitgeliefert. Es hilft dem Anwender bei der ersten Nutzung und der Auswertung des Bogens. Somit können Erzieher am Ende leicht erkennen, ob das Kind einen Bedarf für eine Sprachförderung hat oder nicht. Auch Beispiele finden sich im Begleitheft wieder, um das Kind bestmöglich in seiner Sprachentwicklung zu unterstützen, zu fördern und zu begleiten. Besitzt das Kind allerdings eine schwere Sprachstörung, ist der Bogen nicht ausreichend, um diese zu diagnostizieren. In so einem Fall sollten Fachkräfte hinzugezogen werden.

Inhalt des Begleitheftes

Zunächst wird im Begleitheft das Konzept von SISMIK beschrieben und der Aufbau des Beobachtungsbogens erläutert. Dem Nutzer wird erklärt, wie er bei der Beobachtung am besten vorgehen soll und wie er damit beginnt. Das Heft enthält verschiedene Tipps zum Umgang mit dem Verfahren. Dazu zählt zum Beispiel die Zusammenarbeit im Team. Im nächsten Abschnitt des Begleitheftes geht es um die Auswertung des Beobachtungsbogens. Diese wird anhand von Beispielen erklärt. Skalen helfen anschließend dabei zu erkennen, ob das Kind in der Norm liegt oder einen Förderbedarf hat. Für den eventuellen Förderbedarf gibt es wiederum Hinweise und Tipps für den Kindergarten-Alltag.

Allgemein

Für wen ist das Beobachtungsverfahren geeignet?

Das Beobachtungsverfahren SISMIK wurde speziell für Migrantenkinder entwickelt. Es soll gezielt für Kinder benutzt werden, die mehrsprachig aufwachsen. Es dient dem Erzieher als Erleichterung für seine Beobachtungsaufgabe. Zudem erleichtert es die Aufstellung eines individuellen Förderplans für das Kind. Um genau zu erkennen, wie sich die Sprache im Laufe der Jahre entwickelt, sollte der Bogen ab einem Alter von 3 ½ Jahren regelmäßig ausgefüllt werden. Das Beobachtungsverfahren ist nicht als Notfall-Lösung gedacht, wenn dringend Handlungsbedarf besteht. Auch für die Diagnostik ist das Beobachtungsverfahren nicht vorgesehen.

Alle Kinder ab 3 ½ Jahren bis zum Schuleintritt, die mehrsprachig aufwachsen, dürfen mit Hilfe dieses Bogens beobachtet werden. Dazu zählen alle Kinder mit Migrationshintergrund, also Aussiedler, Zuwanderer, Asylbewerber und Flüchtlinge ebenso wie zweisprachig aufwachsende Kinder aus anderen Gründen. Auch wenn das Kind zu Hause deutsch spricht, seine Eltern mit ihm aber auf einer anderen Sprache sprechen, ist die Nutzung von SISMIK sinnvoll.

Das Konzept hinter dem Beobachtungsverfahren

Zwar wurde das Beobachtungsverfahren nicht zu diagnostischen Zwecken entwickelt, dennoch können Anwender durch den Bogen schnell herausfinden, ob das Kind einen Förderbedarf hat oder nicht. Wenden Erzieher das Verfahren regelmäßig an, werden sie für Entwicklungsfortschritte oder -stillstände gut sensibilisiert. So kann rechtzeitig ein Förderplan erstellt oder Hilfe hinzugezogen werden.

Als Ausgangspunkt für das Verfahren steht wie bei den meisten Bildungsdokumentationsverfahren die Frage „Wie verläuft normale Entwicklung?“ Die Fragen in diesem Bogen wurden viele Jahre entwickelt und durch Beobachtungen verbessert und verfeinert. So kann man nun davon ausgehen, dass die Fragen eine gute Basis für die „normale“ Sprachentwicklung eines Kindes darstellen. Viele Erzieher haben das Verfahren in ihrer Einrichtung mit vielen Migrantenkindern getestet und konnten mit seiner Hilfe die Interesse an Sprache bei den Kindern steigern.

Die Sprachmotivation von Migrantenkindern

Die Entwicklung der Sprache ist sehr komplex und begleitet das Kind viele Jahre lang. Bereits im Mutterleib beginnt das Kind auf die Stimme der Mutter zu reagieren. So ist es kein Wunder, dass das Lernen von mehr als einer Sprache eine Herausforderung für Kinder ist. Dennoch tun sie sich viel leichter damit, als wir Erwachsenen. Tatsächlich vermuten Forscher, dass das Erlernen einer Fremdsprache nur bis zur Pubertät perfekt gelingen kann. Für junge Erwachsene ist das perfekte Erlernen nicht mehr möglich.

Je nachdem, was ein Kind erlebt hat, kann es ihm dennoch sehr schwer fallen, eine weitere Sprache zu lernen. Dies hat weniger mit seiner Fähigkeit des Erlernens zu tun, als mit seiner Psyche. Nach einer Flucht kann das Kind stark traumatisiert sein. Es ist nur allzu verständlich, warum es in dieser Situation wenig Sprachmotivation zeigt. Lernerfahrungen (auch in Bezug auf Sprache) macht das Kind aber vor allem durch Interesse an Sprache. Dafür braucht es die Motivation am alltäglichen Geschehen teilzunehmen. In Bezug auf Sprache bedeutet das zum Beispiel die Teilhabe am Stuhlkreis, an Gesprächen, Bilderbuchbetrachtungen oder Rollenspielen. Viele Fragen im ersten Teil des Beobachtungsbogens befassen sich deswegen mit der Frage zur Sprachmotivation.

Literacy

Literacy steht für Lese- und Schreibkompetenz. Diese umfasst auch die Erfahrungen von Kindern mit Büchern, das Erzählen von Geschichten und das Malen von ersten Buchstaben oder Zahlen. Da der Bogen auch für Vorschulkinder geeignet ist, ist der Bereich Literacy ein wichtiger Punkt im Beobachtungsverfahren. Auch die Erfahrungen jüngerer Kinder rund um Literacy haben Auswirkungen auf ihre spätere Entwicklung im Bereich des Lesens und Schreibens.

Sprachkompetenz

Des Weiteren wird die Sprachkompetenz des Kindes im Beobachtungsverfahren genau beleuchtet. Dabei geht es um die Deutschkenntnisse, nicht um die Mutter- oder weitere Fremdsprache des Kindes. Durch Fragen über alltägliche Situationen zum Beispiel ob das Kind eine Geschichte nacherzählen kann oder im Stuhlkreis etwas berichtet, findet der Erzieher heraus, wie gut die kindliche, deutsche Sprachkompetenz voranschreitet. SISMIK beschäftigt sich dabei mit sehr praktischen Fragen, damit die Beobachtung im Kindergarten-Alltag erleichtert wird.

Die Sprache innerhalb der Familie des beobachteten Kindes

Durch die Fragen im dritten Teil des Beobachtungsverfahrens bekommt der Erzieher eine genauere Sicht auf die Familie des Kindes. So bekommt er nicht nur ein besseres Allgemeinbild über die Sprachentwicklung des Kindes, sondern kann auch einen individuellen Förderplan erstellen. Hat das Kind zum Beispiel nur mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten oder erlernt es auch die Muttersprache nicht richtig? Als Hilfestellung für den dritten und vierten Teil des Beobachtungsverfahrens dient die Familie des Kindes. Für eine gute Sprachentwicklung muss das Gesamtbild betrachtet werden. Das Deutsch-Lernen kann nicht losgelöst von der familiären Situation betrachtet werden.

Spezifisch

Wie funktioniert der Beobachtungsbogen?

Der Beobachtungsbogen besteht aus vier Teilen (1. Teil: Sprachverhalten in sprachrelevanten Situationen, 2. Teil: Sprachliche Kompetenz im engeren Sinne (deutsch), 3. Teil: Familiensprache des Kindes, 4. Teil: Familie des Kindes) und dem zugehörigen Begleitheft. Das Begleitheft sollte sich der Beobachter zuvor durchlesen und auch den Bogen vorab anschauen. Auf der Deckseite des Bogens wird der Name, das Geburtsdatum, das Geschlecht, die Familiensprache und die Nationalität des Kindes eingetragen.

Jeder der vier Teile des Bogens ist nun erneut in verschiedene Teile unterteilt. Diese sind durchbuchstabiert. Dahinter befindet sich jeweils eine Skala von 1 bis 6 zum Ankreuzen. Die jeweilige Zahl steht für nie bis sehr oft. Zu jedem Punkt werden verschiedene Verhaltensweisen beschrieben, der den Bereich genauer erklärt.

Zum ersten Teil gehören die folgenden Bereiche:

A: Frühstückstisch

B: Rollenspiele

C: Spielpartner in der Freispielzeit

D: Einzelgespräch mit pädagogischen Bezugspersonen

E: Gesprächsrunden und Stuhlkreis

F: Verständigungsprobleme/Ausdrucksnot (im Deutschen)

G: Bilderbuchbetrachtung als pädagogisches Angebot in der Kleingruppe (in deutscher Sprache)

H: Vorlesen/Erzählen als pädagogisches Angebot in der Kleingruppe

I: selbstständiger Umgang mit Bilderbüchern (vom Kind ausgehend, nicht von der Erzieherin/dem Erzieher)

J: Interesse an Schrift

K: Reime – Fantasiewörter – verschiedene Sprachen

Beispiel: Teil 1, A: Frühstückstisch, „Das Kind beteiligt sich aktiv an Gesprächen in deutscher Sprache“

Zum zweiten Teil gehören die folgenden Bereiche:

L: Verstehen von Handlungsaufträgen, Aufforderungen

M: Sprechweise und Wortschatz

N: Satzbau und Grammatik

Beispiel: Teil 2, M: Sprechweise und Wortschatz, „Kind kann Gegenstände beschreiben“

Zum dritten Teil gehören die folgenden Bereiche:

O: Umgang des Kindes mit seiner Familiensprache in der Einrichtung

P: Die Sicht der Eltern und anderer Erwachsener mit derselben Familiensprache

Der vierte Teil ist nicht weiter unterteilt. Für diesen Teil benötigen Erzieher die Mitarbeit der Eltern des Kindes. Zusammengenommen ergeben die vier Teile bei der Auswertung einen guten Überblick über die Entwicklung der kindlichen Sprache. Dafür benötigt man auch den vierten Teil, da die Muttersprache zum Kind dazu gehört. Es ist also wichtig, auch den letzten Teil auszufüllen und zu bewerten.

Quellen

Zitiervorschlag

Götz, S. (2021). Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertageseinrichtungen. Sprachstandserhebung und Beobachtungsverfahren. ISSN: 2748-2979. Zugriff am 29.08.2021. Verfügbar unter: https://krippenzeit.de/sprachverhalten-und-interesse-an-sprache-bei-migrantenkindern-in-kindertageseinrichtungen/

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