Bindung

    Bindungstheorie zur Bindung zwischen Kind und Bezugsperson.

    Bindung in der kindlichen Entwicklung
    Bindung in der kindlichen Entwicklung

    Die Begriffe Bindung und Bindungstheorie sind insbesondere durch den theoretischen Psychiater John Bowlby (1907-1990) und der klinischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth (1913-1999) im Rahmen der Bindungsforschung geprägt.

    Durch diese Forschungen konnten Bindungsmuster, Bindungsqualität, soziale Kompetenz des Individuums und die Bedeutung der Desorganisation erkannt werden. Die Bindungstheorie grenzt sich durch ein biologisches Bindungssystem von der Triebtheorie Freuds ab. Die Bindungstheorie besagt letztlich, dass Babys das angeborene Bedürfnis haben, bei bindungsrelevanten Ereignissen nach Zuwendung und Sicherheit bei einer Person (Bindungsperson) zu suchen.

    Mary Ainsworth entwarf zum erkennen der Bindungstypen ein Experiment, den sogenannten Fremde-Situations-Test (FST). Versuchsteilnehmer waren Kinder im Alter von 12-18 Monaten sowie die Mutters des Kindes und eine fremde Frau.

    Versuchsaufbau

    1. Die Mutter setzt ihr Kleinkind bei dem Spielzeug ab (bis 30 Sek.).
    2. Die Mutter setzt sich auf einen Stuhl und liest eine Zeitschrift (30 Sek.).
    3. Nach spätestens 2 Minuten erfolgt ein Klopfsignal, woraufhin ihr Kind zum Spielen animiert werden soll, wenn es noch nicht spielt.
    4. Die fremde Frau betritt den Raum, setzt sich auf einen Stuhl und schweigt 1 Minute.
    5. Danach erfolgt ein Gespräch zwischen ihr und der Mutter (1 Min.).
    6. Die fremde Frau beschäftigt sich mit dem Kind (3 Min.).
    7. Die Mutter verlässt den Raum und lässt ihre Handtasche zurück (an dieser Stelle wird beobachtet, wie das Kind auf die Fremde reagiert und ob Trennungsprotest eintritt).
    8. Sollte das Kind weinen, beschäftigt sich die fremde Frau mit ihm, ansonsten bleibt sie auf dem Stuhl sitzen.
    9. Die Mutter spricht vor der Tür.
    10. Dann kommt sie herein, nimmt ihr Kind hoch und begrüßt es.
    11. Die Mutter setzt ihr Kind zum Spielzeug und versucht es zum Spielen zu animieren.
    12. Die fremde Frau verlässt den Raum.
    13. Nach 3 Min. verlässt die Mutter den Raum, lässt jedoch die Handtasche zurück.
    14. Das Kind ist für 3 Min. allein.
    15. Die fremde Frau spricht vor der Tür.
    16. Die fremde Frau betritt den Raum und passt ihr Verhalten dem des Kleinkindes an (z. B. trösten oder mitspielen).
    17. Die Mutter öffnet die Tür, bleibt kurz stehen und hebt ihr Kind hoch.
    18. Die fremde Frau verlässt den Raum.

    Bindungstypen

    Durch das Experiment konnten die theoretischen Annahmen der Bindungstheorie bestätigt werden. Die Bindungstypen A, B und C konnten beobachtet und bestätigt werden. Der Bindungstyp D wurde nachträglich eingeführt, da nicht alle Beobachtungen den Typen A bis C zugeordnet werden konnten.

    Bindungstyp A: unsicher vermeidende Bindung

    Kinder des Bindungstyps A zeigen bei der Bindung ein unsicheres und vermeidendes Verhalten. Beim Verlust der Mutter spielten die Kinder unvermittelt und unbekümmert weiter, leiden innerlich jedoch unter Stress. Bei der Rückkehr der Mutter zeigten die Kinder kaum bis gar keine Reaktion. Die Mutter lässt sich durch eine Ersatzperson austauschen. Dies deutet auf eine nicht sichere Bindung hin. Diese Kinder haben in den frühen Lebensmonaten die Erfahrung der Unzuverlässigkeit der Bindungspersonen gemacht. Die Kinder haben nur wenig Vertrauen in die Umwelt. Hieraus entwickeln die Kinder ein negatives Selbstbild und Gefühle werden nicht offen kommuniziert.

    Bindungstyp B: sichere Bindung

    Kinder des Bindungstyps B reagierten auf den Verlust der Mutter mit Weinen und Schreien. Sobald die Mutter zurückkehrte, zeigten die Kinder Freude und Erleichterung. Die Kinder fanden daraufhin schnell in das Freispiel zurück. Der Bindungstyp B zeigt, dass die Kinder ein positives Bindungsverhalten zeigen und Vertrauen in die Bezugsperson entwickelt hat. Aus dieser Sicherheit heraus kann das Kind in die Umwelt explorieren.

    Bindungstyp C: unsicher-ambivalente Bindung

    Der Bindungstyp C beschreibt die unsicher-ambivalente Bindung zwischen Mutter und Kind. Hier zeigen die Kinder bei der Rückkehr der Mutter ein ambivalentes/widersprüchliches Verhalten. Die Kinder sind einerseits unentspannt und suchen dennoch die Nähe der Mutter. Das Verhalten ist nicht nachvollziehbar. Die Babys lassen sich bei der Rückkehr der Mutter kaum beruhigen. Diese Bindung entstand durch unstabiles und unsicheres Reagieren der Mutter (einmal eine Nichtbeachtung auf eine Äußerung, beim nächsten mal wiederum liebevolles reagieren etc.). Das Kind versucht durch Angst, Passivität und Verunsicherung auf die Trennung von der Mutter zu reagieren.

    Bindungstyp D: unsicher-desorganisierte Bindung

    Der Bindungstyp D wurde erst nachträglich eingeführt. Nicht alle Kinder konnten zuvor den anderen Bindungstypen zugeordnet werden. Kinder des Bindungstyps D zeigten beim Verlust der Mutter widersprüchliche und nicht nachvollziehbare Reaktionen auf die Rückkehr der Mutter. Die Kinder zeigten dies durch Äußerungen wie Stimmungsschwankungen, Aggressionen und verwirrtes Handeln. Bei diesem Bindungstyp lässt sich auch dass plötzliche Erstarren (Freezing) beobachten. Bindungstheoretiker gehen davon aus, dass diese Kinder in den frühen Lebensjahren traumatisiert wurden und diese Ereignisse nicht vollends verarbeiten konnten.

    Die Bindungstheorie hat heute einen großen Stellenwert in der frühkindlichen Bildung und Entwicklung. Eine frühe sichere Bindung hat Auswirkungen auf das komplette Leben eines Kindes. Gerade in der Kita spielt das Thema Bindung bei der Eingewöhnung eine große Rolle, hat die Bindungstheorie doch großen Einfluss auf die Eingewöhnungsmodelle Berliner Modell und Münchener Modell.

    Quellen

    • Ainsworth, M./ Blehar, M./ Waters, E./ Wall, S. (1978): Patterns of Attachment. A psychological study of the strange situation. New York: Hilsdale
    • Ainsworth, M./ Wittig, B. (1969): Attachment and exploratory behavior of one-year-olds in a strange situation. In: Foss, B. (Hg.): Determinants of infant behaviour. Bd 4. London: Mehuen
    • Grossmann, K.E./ Grossmann, K. (2020): Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta
    • Main, M. (1995): Desorganisation im Bindungsverhalten. In: Spangler, G./ Zimmermann, P. (Hg.): Die Bindungstheorie. Stuttgart: Klett-Cotta